Philosophisch statt egozentrisch

30. Mai 2009, NZZexecutive
Eva-Maria Aulich, Lehrstuhl HR-Management, Universität Zürich

Aus der HRM-Forschung

Was heisst Leadership? Wie wird man eine gute Führungskraft? Was macht gute Leadership aus? Zahlreiche Bücher und Artikel beschäftigen sich mit Rezepturen, Techniken und Tipps, die Führungskräften Hilfestellungen geben sollen, wann sie wie am besten handeln oder wie sie zu einem guten Leader werden können. Auch an Leadershipdefinitionen mangelt es nicht. Doch reicht das aus? Ist Leadership einfach nur Technik? Geht es nicht vielmehr um eine spezifische Praxis menschlichen Handelns, für die Techniken und Rezepte zwar notwendig, aber nicht hinreichend sind?

Ann L. Cuncliffe setzt hier an. In ihrem kürzlich in der Zeitschrift «Academy of Management Learning & Education» erschienenen Beitrag berichtet die Professorin einer US-amerikanischen Business School, dass sie ihren Executive-MBA-Studierenden nicht Rezepturen oder Techniken für gute Leadership vermittelt, sondern eine besondere Haltung. Das Besondere an ihrem Ansatz ist, dass sie sich explizit einer philosophischen Rahmenstruktur bedient und aus dieser Implikationen für Leadership ableitet und interpretiert. Zentral für das daraus entstehende Verständnis von Leadership ist, dass Führungskräfte sich selbst gegenüber eine kritische und reflexive Haltung einnehmen und die ethische und moralische Verantwortung ihres Tuns sowie ihres Nichttuns gegenüber sich selbst sowie ihrer Umwelt übernehmen sollen.

Im Mittelpunkt von Cuncliffes Rahmenstruktur stehen das Gedankengebäude der existenzialistischen Phänomenologie sowie das der hermeneutischen Phänomenologie. Jean-Paul Sartre, Hauptvertreter der existenzialistischen Denkschule, ging davon aus, dass der Mensch zur Freiheit verurteilt ist. Daraus folgt, dass der Mensch für sein Handeln die volle Verantwortung zu tragen hat. Verantwortung hat der Mensch aber auch dafür zu tragen, wer er ist, denn laut Sartre ist «der Mensch (. . .) das, wozu er sich macht».

Individualität konstituiert sich somit durch die eigenen Erfahrungen und Handlungen. Mittels reflexiven Erfassens des Selbst und vor dem Hintergrund der philosophischen Struktur sind die eigenen (Führungs-)Erfahrungen interpretierbar und man selbst sowie seine Umwelt bewertbar. Bezogen auf Leadership bedeutet das zum einen: Selbst-Kategorisierungen gemäss vorgegebenen Standards (wie beispielsweise charismatischer Führer contra Manager) sollten durch Selbst-Interpretationen ersetzt werden. Zum anderen führt die Betonung der Verantwortung für sich selbst – gemäss der hermeneutischen Phänomenologie aber auch die Verantwortung für seine Umwelt – dazu, dass nicht mehr der heroische und egozentrische Leader im Fokus steht, der lediglich in Gewinn- und Kostengrössen denkt, sondern Leadership als eine moralische Aktivität verstanden wird.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Metapher des philosophischen Führers (in Abgrenzung zu Platons Philosophenkönig), der seine Verantwortung (er)kennt und sein Handeln kritisch (ethisch) reflektiert und hinterfragt, zu einer Zeit prominent wird, in der moralisches Handeln als unchic zu gelten scheint und persönliche Verantwortung für Misserfolge leicht durch Verweise auf die Krise negiert werden kann.


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